Wie kommt die neue Straße in eine topographische Karte?

Die Landschaft verändert sich ständig. Immer wird irgendwo eine neue Straße oder Brücke gebaut, ein neues Baugebiet erschlossen oder ein Flusslauf umgeleitet.

Damit ist selbst eine neu erstellte topographische Karte ganz schnell wieder veraltet. Manch einer fragt sich, warum es manchmal recht lange dauert, bis die neue Straße in den Karten zu finden ist?

Zuständig für die Herausgabe und für die Aktualisierung der amtlichen topographischen Karten, z.B. der TOP 50 in Baden-Württemberg ist das Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg. Da die Landesvermessung unter Länderhoheit steht, hat jedes Bunesland ein eigenes Vermessungsamt.

Die wichtigsten Arbeitsschritte der Fortführung von topographischen Karten sind nachfolgend beschrieben.

Übersicht über die Blöcke für die Bildflüge
Übersicht über die Blöcke für die Bildflüge

Ohne Luftbilder geht gar nichts

Die wichtigste Quelle um festzustellen, was sich verändert hat, sind Luftbilder. Luftbilder zu erstellen ist Aufgabe der "Photogrammetrie". Dazu ist Baden-Württemberg in fünf etwa gleich große Blöcke aufgeteilt. Jedes Jahr werden von einem dieser Blöcke in sogenannten Bildflügen neue Luftbilder erstellt. Das bedeutet, dass jedes Gebiet alle fünf Jahre neu beflogen wird.

Die Durchführung der Bildflüge ist keine einfache Angelegenheit, denn es müssen bestimmte Flugbedingungen vorherrschen. So darf es beispielsweise nicht bewölkt sein, es darf kein Schnee liegen und die Schatten von Häusern und Bäumen sollen auch nicht zu lang sein. Da alle diese und weitere Faktoren zusammen erfüllt sein müssen, sind nur wenige Tage im Jahr für einen Bildflug geeignet.

Die vom Bildflugzeug erzeugten Bilder müssen nun entzerrt werden, das bedeutet, dass alles auf einem Bild Enthaltene auf den einheitlichen Maßstab 1:10.000 gebracht wird. Diese entzerrten Luftbilder heißen Orthophotos.

Bildflug - TOPO 50
Bildflug
Ausschnitt aus einem farbigen Luftbild
Ausschnitt aus einem Luftbild
Das "Echterdinger Ei" in einer Präsentation des Basis-DLM
Das "Echterdinger Ei" in einer Präsentation des Basis-DLM

Auch das Digitale Landschaftsmodell ist unverzichtbar

Jetzt vergleichen die Topographen das neue Luftbild mit dem alten Stand. Früher hat man dazu tatsächlich eine Folie der alten Karte benutzt. Heute spielt das Digitale Landschaftsmodell (=Basis-DLM) eine ganz wichtige Rolle bei der Fortführung von topographischen Karten. Das Basis-DLM ist, vereinfacht gesagt, eine Datenbank. In dieser Datenbank sind sämtliche Bestandteile der Landschaft als punktförmige, flächenförmige oder linienförmige Objekte gespeichert.

Zum Vergleich von "Alt" und "Neu" legt man eine graphische Präsentation der DLM-Daten mit dem alten Stand auf das neue Orthophoto und zeichnet sämtliche Änderungen auf die Folie des alten Standes hoch.

Im Gegensatz zu den Karten, die in einem festgelegten Rythmus überarbeitet und gedruckt werden, wird das DLM "spitzenaktuell" fortgeführt. Das bedeutet, daß die neue Straße möglichst zeitnah eingearbeitet wird und so dessen Nutzerkreis, z.B. dem Polizeinotruf 110, schnell zur Verfügung steht.

Detailarbeit im Außendienst

Außendienstfahrzeug der Topographen mit GPS-Antenne und Bildschirm zum Laptop
Außendienstfahrzeug der Topographen mit GPS-Antenne und Bildschirm zum Laptop (Foto: Achim Kern)

Veränderungen, die der Kartograph nicht einwandfrei im Luftbild erkennen kann, werden im Außendienst vor Ort überprüft, mit GPS eingemessen und dann nachgetragen. Vor allem bei Bewuchs ist es schwierig, Veränderungen im Luftbild zu sehen. Zum Beispiel können im Wald Wege oder an Bächen neue Fußgängerstege durch hohe Bäume verdeckt sein. Es ist oft auch schwierig, aus einem Luftbild festzustellen, welche Bedeutung beispielsweise ein neuer Wirtschaftsweg hat, also wie er in der Karte dargestellt werden soll. Um diese Feinarbeiten zu erledigen sind in Baden-Württemberg ständig Erkundungstrupps unterwegs.

Beim Landesvermessungsamt gehen auch von anderen Stellen oder von Bürgern laufend Änderungsmeldungen ein. Diese werden in einem "Digitalen Merkblatt" gespeichert und stehen dann bei der nächsten Bearbeitung eines Kartenblattes zusammengefasst und gesammelt zur Verfügung.

Damit ist die Arbeit der Kartographen beendet und die Veränderungen, die im Außendienst nicht mit GIS-Systemen erfaßt wurden, werden vom Erfassungsteam im Innendienst in das DLM eingearbeitet.

Nun ist die Kartographie am Zug

Arbeitsplatz eines Kartographen mit TOP 50
Arbeitsplatz eines Kartographen

Nachdem das DLM abschließend fortgeführt ist und Präsentationsgrafiken, d.h. Ausdrucke aus dem DLM, erstellt sind, kommen die Kartographen an die Reihe. Sie arbeiten die Änderungen in die topographischen Karten. Dazu muss man wissen, dass die topographischen Karten nicht nur in gedruckter Form, sondern auch als digitale Rasterdaten vorliegen (TOP 25, TOP 50  - die Kartenbasis im Tour Explorer).

Was bisher einzelne farbige Folien waren, z.B. schwarz für den Grundriss, blau für das Gewässer, sind jetzt einzelne Kartenebenen im Rechner. Diese einzelnen Ebenen werden aktualisiert.

Es dauert in der Regel einige Monate, bis alle notwendigen Arbeiten dieser Arbeitskette erledigt sind. In dieser Zeit gibt es natürlich schon wieder Veränderungen in der Landschaft. Deshalb werden bis ganz kurz vor Drucklegung wichtige Änderungen, wie z.B. neue Straßen, auch aus Bauplänen in die Karten eingearbeitet, damit diese zum Zeitpunkt des Drucks so aktuell wie nur irgend möglich sind.

In der Praxis gestaltet sich das Ganze derzeit folgendermaßen: Im Jahr 2006 wurde das Gebiet um den Bodensee, das württembergische Allgäu und der südlichste Bereich des Schwarzwaldes beflogen. Die Luftbilder und Orthophotos sind erstellt und das DLM ist aktualisiert. In den nächsten Wochen beginnt die Bearbeitung der topographischen Karte 1:25.000 und zum Ende des Jahres ist dann mit den ersten Neuausgaben der Karten aus diesem südlichsten Teil von Baden-Württemberg zu rechnen.

Seit etwa einem Jahrzehnt gibt neben den herkömmlichen gedruckten Karten auch die zunehmend beliebten Landkarten-DVDs wie z.B. die Serie TOP 25, TOP 50 oder den Tour Explorer von MagicMaps.

Ausschnitt aus der RK 10
Ausschnitt aus der RK 10

Bundesweite Überlegungen sehen vor, den Berichtigungsturnus der Karten zukünftig auf drei Jahre zu verkürzen, um das Bedürfnis der Wirtschaft und der Bevölkerung nach aktuellen Karten schneller zu befriedigen. Auch das Landesvermessungsamt Baden-Württemberg kann sich diesen Kundenanforderungen natürlich nicht verschließen.

 

Außerdem gibt es eine weitere ganz wichtige bundesweite Neuerung. Während bei der derzeitigen Arbeitsweise jede topographische Karte in jedem Maßstab, d.h. in 1:25.000, 1:50.000 und 1:100.000 separat von Kartographen bearbeitet werden muss, wird zukünftig die Ableitung der Karten durch hochspezialisierte Programme aus dem Basis-DLM direkt erfolgen. Einige Bundesländer haben dieses Verfahren bereits eingeführt. Baden-Württemberg hat diesen Schritt noch vor sich. Der Unterschied wird für den Benutzer ganz einfach am Kartenbild erkennbar sein, denn die aus dem DLM direkt abgeleiteten Karten sind bunter und haben andere Schriften als die bisherigen topographischen Karten.

Die abgebildete RK 10 ist bereits direkt aus dem Basis-DLM abgeleitet.

Ein ewiger Kreislauf

Egal auf welchem Herstellungsweg die berichtigten Kartenblätter entstehen. Nach wie vor müssen sie am Ende noch gedruckt bzw. DVD-ROMs gepreßt und in den Handel gebracht werden. Der Käufer findet die neue Straße in seiner Karte, die nun wieder solange aktuell ist, bis die nächste neue Straße gebaut, oder ein weiteres Neubaugebiet erschlossen wird....


Carsten Wasow (Landesvermessungsamt Baden Württemberg)
Bilder ohne Angabe sind von der Homepage des Landesvermessungsamtes Baden-Württemberg © 2007

 

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